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Sonntag, 30. November 2014

Mein Papa und Weihnachten


Ich war sehr lange Kind (aus heutiger Sicht etwa mein halbes Leben), und - auch wenn man das heutzutage ja kaum noch sagen darf, wenn man was werden will - meine Kindheit war größtenteils glücklich. Mit aufgeschrammten Knien, ungesunder Zuckerwatte, Schmetterlingszopfhaltern, Holzbauklötzen, einem großen Bruder und ziemlich großzügigen Eltern. Ich hatte als Kind zwei Lieblingszeiten im Jahr: meinen Geburtstag (im Sommer) und Weihnachten (ihr werdet es ahnen: im Winter).
Die Sache mit dem Geburtstag dürfte klar sein: Kuchen, Geschenke, ich war Bestimmer an diesem Tag (ja, Bestimmer, damals haben wir das noch nicht so dolle getrennt mit Bestimmer und Bestimmerin, in dem Alter hat man da eh keine großen Unterschiede gesehen) und meistens war Ende August herrlichstes Sonnenwetter. Außerdem bin ich ein Sonntagskind, ein richtig echtes Sonntagskind, und Sonntagskinder lieben ihre Geburtstage einfach.
Das mit Weihnachten ist nicht ganz so eindeutig. Oder: nicht so offensichtlich. Auch hier gab es natürlich Geschenke und Süßes. Aber das war nicht das Entscheidende.
Fangen wir am Anfang an. Als ich noch sehr sehr klein war - so klein, dass ich mich selbst gar nicht daran erinnern kann, aber die Geschichte wurde mir so oft erzählt, dass es mir vorkommt, als wäre ich dabei gewesen - als ich also noch sehr klein war, liebte ich das Geschenkeaufreißen. Ich krabbelte auf allen vieren durch die in der großelterlichen Wohnung aufgebauten Geschenke und riss alles auf, was verpackt war. War das Geschenk geöffnet, interessierte es mich nicht mehr, ich krabbelte zum nächsten.
Später liebte ich die Vorfreude, die Spannung, das Geheimnisvolle. Und den Schnee. (Ehrlich, früher hatten wir IMMER Schnee zu Weihnachten!) Besonders aber liebte ich die Adventssonntage.
Ich habe viele schöne Erinnerungen an Tage mit meinem Papa: auf seinem Rücken reiten, auf seinen Schultern sitzen und Michael Jackson in Prag sehen, zusammen Dinge bauen, Fahrrad fahren, Luftmatratzen aufpumpen, Kirschen ernten, Partyspiele auf Geburtstagsfeten,... Aber am liebsten sind mir die weihnachtlichen Erinnerungen: Alle paar Jahre versuchen wir uns an Pfefferkuchenhäusern, die vor sich hintrocknen, nachdem aller Zuckerguss und alles süße Schmuckwerk abgeknabbert sind. Immer schaltet er den Plattenspieler ein und streicht sorgfältig mit der kleinen weichen Bürste über die Vinylplatte mit den Weihnachtsliedern (wenn ihr alt genug seid, um das hier zu lesen, kennt ihr Vinyl noch. Oder schon wieder). Jeden Sonntag im Advent sitzen wir im Wohnzimmer, bei Stollen und Plätzchen und Kakao, und mein Papa schlägt das große blauweiße Buch mit der schönen, strengen Frau vorne drauf auf und beginnt "Erste Geschichte, die von dem Spiegel und den Scherben handelt" vorzulesen, den Anfang der "Schneekönigin". In meiner Erinnerung ist es immer die Schneekönigin. Die Kerzen am Adventskranz brennen, der Kakao dampft, ich stippe mit dem Finger in den vom Stollen gefallenen Puderzucker und picke mir die Rosinen heraus. Ich bin in der Geschichte und im Nachmittag. Während mein Papa vorliest, denke ich nicht an Wunschzettel oder an die Geschenke, die bestimmt schon irgendwo in der Wohnung versteckt sind. Ich denke nicht an den Bunten Teller, den ich mit niemandem teilen muss und dessen ganze Leckereien nur für mich ausgesucht sind. Ich konnte längst selbst lesen, selbst Plätzchen backen, selbst Geschenke basteln, kaufen, verstecken, verpacken in buntes Geschenkpapier, da gab es immer noch die gemütlichen Sonntage im Advent mit Geschichten und Gebäck. Und das ist es, was mir an Weihnachten damals und bis heute kostbar ist: Die Zeit, die friedliche Stille und die Geschichten. Die Ruhe, mit der meine Eltern die Weihnachtszeit angingen (so kommt es mir jedenfalls vor). Wie lange es dauerte, die Schallplatte vom Staub zu befreien! Wie lange wir dasaßen und die Wände des Pfefferkuchenhäuschens festhielten, bis der Zuckerguss endlich fest wurde. Wie sorgfältig wir Zuckerperlen und Schokostreusel, Rosinen und Mandeln auf die Plätzchen legten. Und wie gern ich noch länger auf Weihnachten gewartet hätte, hätte mein Papa mir dafür an noch mehr Sonntagen Geschichten vorgelesen.

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